Streben nach Logik

Streben nach Logik  –
Ein Wagnis: „Meistersinger“ konzertant im Leipziger Schauspielhaus

Wagneropern konzertant auf die Bühne zu bringen, ist gewiss nicht neu, wenngleich keinesfalls selbstverständlich. Doch während sich die aktuelle „Ring“-Aufführung durch das Rundfund Sinfonieorchester Berlin auf Ausschnitte – und diese auf mehrere Abende verteilt – beschränkt, zielten die „Meistersinger“ am Dienstag im Leipziger Schauspielhaus auf eine musikalisch adäquate und ungekürzte Produktion. Ein Wagnis, denn viereinhalb Stunden lang eine Musik zu bieten, die geradezu nach Bühne ruft, musiziert von einem Ensemble, dem gerade einmal drei Probentage zur Verfügung standen, verlangt ein Maximum an Konzentration und Ausdauer.

Zu danken ist der Erfolg des Abends in erster Linie Universitätsmusikdirektor David Timm, der nach dem „Fliegenden Holländer“ von 2005 nun die zweite Wagneroper konzertant aufführte und dabei nicht versäumte, die mächtige Partitur von der Patina früherer Interpretationen zu befreien. Timm mistet aus, schmirgelt pastöse Ablagerungen wie übertriebene Temposchwankungen und Crescendi herunter. Was bleibt, was wirklich in der Partitur steht, strebt nach Transparenz, innerer musikalischer Logik. Da werden barocke Elemente hörbar, wenn David, der Lehrbube des Hans Sachs, den Edlen Stolzing im Meistergesang unterrichtet. Oder in den fugierten Chorpartien, den Tempowechseln zwischen gerad- und ungeradzahligem Takt.

Timms Zeichengebung ist dabei unmissverständlich und selbst für den weit auf der Hinterbühne platzierten Universitätschor gut zu verfolgen. Tribut an die Beschaffenheit der Akustik: Der Chor wurde über Mikrofone verstärkt. Eine durchaus sinnvolle Maßnahme, zumal sparsam eingesetzt und sehr gut ausgesteuert. So blieb der Eindruck eines ganzheitlichen Klangbildes gewahrt.

Hervorragendes leistete das Mendelssohn-Orchester um Konzertmeister Andreas Hartmann. Erstaunlich, wie homogen der Orchesterklang schon das grundständige C-Dur des Vorspiels auseinanderfaltet, vereint doch das Ensemble wie in musikalischer Ökumene Musiker aus mehreren Orchestern Mitteldeutschlands. Faszinierend die lustvolle Disziplin, mit der sie die sinfonischen Vor- und Zwischenspiele ausmusizieren, wie sie hier den ganz starken, voluminösen Orchesterklang aufbauen und an anderer Stelle geradezu kammermusikalisch filigran agieren.

Sehr zum Vorteil für die Gesangssolisten, die, in vorderster Reihe platziert, dadurch den richtigen Rückenwind erhalten. Und wahrhaft beflügelt bietet Wolf Matthias Friedrich die Partie des schelmischen Schusters Hans Sachs: ausdrucksstark, überaus anpassungsfähig und mit komödiantischem Witz singt er die berühmte Klopfszene im zweiten Akt, mit weittragender stimme den Wahn-Monolog im dritten. Gleich souverän agiert Martin Petzold als Lehrbube David, während der rabenschwarze Bass von James Moellenhoff kongenial zur Figur des Veit Pogner passt.

Dessen Tochter Eva (Nancy Gibson) fügt sich harmonisch in das Solistenensemble, tritt jedoch in den aufgeregten Szenen (Besuch bei Hans Sachs) akzentreich hervor. Überragend: Dietrich Greve als Sixtus Beckmesser. Diese Partie scheint ihm auf den Leib geschrieben, zumal jederzeit zu spüren war, wie stark er die szenischen Aspekte seiner Rolle verinnerlicht hat. Was sich von Matthias Aeberhard alias Walther von Stolzing leider nicht behaupten lässt. Irgendwie wirkte er auf ganzer Linie fehlbesetzt. Reihenweise verpatzte Einsätze, falsche Bühnenpositionen, eingefrorene Mimik und eine abgeschnürte Stimme, die über ein Mezzoforte ohne Quetschungen nicht hinauskommt: Mit diesem Auftritt hat er sich keinen Gefallen getan.

Für die größte Überraschung des Abends hingegen sorgt Kathrin Göring, die mit der Amme Magdalene zugleich ihr Wagner-Debüt gibt. Herrlich klar, zum Mitschreiben deutlich und dabei mit einer glutvoll durchpulsten warmen Stimme bietet die Sängerin der Oper Leipzig ihren Part. Das war nicht nur gut, das war exzellent.

Trotz der konzertanten Aufführung ist eine Rumpf-Regie unabdingbar. Etwa für die Auf- und Abgänge der Solisten, ebenso für die Klangregelung und die Textprojektionen mit Regieanweisungen Richard Wagners sowie für verschiedene Beleuchtungseinstellungen. Dass dies alles reibungslos klappt, darf man dem Regieteam um Philipp Neumann danken. Am Ende brandet langer, verdienter Applaus auf: Leipzig hat seinem Wagner zu dessen Geburtstag ein Ständchen nach Meistersingerart geschenkt.

Die Aufführung in Kooperation mit den Universitätsmusiktagen war zugleich Höhepunkt und Abschlussveranstaltung der Wagner Festtage des Richard Wagner Gesellschaft Leipzig 2013 e.V.; dessen Vorstandsvorsitzender Philipp Neumann ist zufrieden. Die Akzeptanz habe deutlich zugenommen, was die mit knapp 3000 stark gewachsene Zahl an Besuchern untermauere. Auch habe sich gezeigt, dass etwa die unkonventionelle Wagner Jazz Lounge sowie die durch Wortakrobat Paul Fröhlich humorvoll zelebrierte „Wagner-Dämmerung“ auf dem Fockeberg gangbare Wege sind, den in Leipzig geborenen Komponisten stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.  

Jörg Clemen

© Leipziger Volkszeitung, Donnerstag, 24. Mai 2007


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