"Amerikanische Nacht"

28. April 2010

Kammerphilharmonie Leipzig
Dirigent: Michael Köhler
Sonja Riedel (Klarinette) „Amerikanische Nacht“

Heitor Villa-Lobos,
Bachianas Brasileiras Nr. 9

Alan Shulman,
Rendezvous „with Benny“ (Goodman)

Darius Milhaud,
La création du monde op.81

Samuel Barber,
Adagio for Strings op.11

Antonin Dvorak,
Streichquartett Nr. 12 F-dur op.96 (Orchesterfassung)

Isaac Albéniz,
Tango aus der Espagna-Suite

Duo Brillaner

10. März 2010

Shirley Brill (Klarinette)
Jonathan Aner (Klavier) Duo Brillaner

Felix Mendelssohn Bartholdy,
Klarinettensonate Es-dur

Johannes Brahms,
Sonate Es-dur op.120 Nr.2 für Klarinette und Klavier

Gabriel Pierné,
Sérénade
Andante con Eleganza
Pièce en Sol mineur
Canzonetta

Francis Poulenc,
Sonate für Klarinette und Klavier

Festkonzert 15 Jahre LBO

23./24. Januar 2010

Leipziger Barockorchester
Leitung: Konstanze Beyer

Konstanze Beyer (Violino concertato)
Marie Friederike Schöder (Sopran)
Mathias Kiesling (Traversflöte)
Jaroslav Roucek (Trompete)
Zita Mikijanska (Cembalo)
David Timm (Cembalo)
Cornelia Fiedler (Violino concertato)
Bernhard Hentrich (Violoncello concertato)

Festkonzert zum 15jährigen Bestehen des Leipziger Barockorchesters

Georg Philipp Telemann,
Ouvertüre „Don Quichotte“

Georg Philipp Telemann,
Konzert für 2 Violinen, Streicher und Basso continuo
G-dur TWV 52:G2

Johann Sebastian Bach,
Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-dur BWV 1050a (Frühfassung)

Georg Philipp Telemann,
Konzert für Violine, Trompete, Violoncello, Streicher und Basso continuo

Johann Sebastian Bach,
Konzert für 2 Cembali C-dur BWV 1061

Johann Sebastian Bach,
„Jauchzet Gott in allen Landen“, Kantate BWV 51

"Barock pur"

2. Dezember 2009

Le Concert Lorrain

Florian Deuter (Violine)
Monica Waisman (Violine)
Stephan Schultz (Violoncello)
Thomas Leininger (Cembalo) „Barock pur“

Johann Heinrich Schmelzer (1623-1680),
Sonaten für zwei Violinen und Basso Continuo
Nr. 3 B-dur & Nr. 4 c-moll & Nr. 5 h-moll
aus: Duodena selectarum sonatarum

Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704),
Sonate Nr. 5 e-moll für Violine und Basso Continuo

Heinrich Ignaz Franz Biber,
Partia Nr. 5 g-moll für zwei Violinen und Basso Continuo
aus: Harmonia artificiosa ariosa

Georg Muffat (1653-1704),
Sonate D-dur für Violine und Basso Continuo

Heinrich Ignaz Franz Biber,
Partia Nr. 1 d-moll für zwei Violinen und Basso Continuo
aus: Harmonia artificiosa ariosa

"Bach exemplarisch"

Bachs Lehrwerk

Martin Stadtfeld mit dem „Wohltemperierten Klavier“
im Bundesverwaltungsgericht

Das „Wohltemperierte Klavier“ (WK) von Johann Sebastian Bach: Hans von Bülow hat es als „Altes Testament“ bezeichnet, ein grandioses Lehrwerk ist es und zugleich eine beeindruckende Leistungsschau des Komponisten Bach. Teil eins des WK (BWV 846-869) ist in Bachs Köthener Zeit entstanden und enthält eine Sammlung von 24 Präludien und Fugen, die sich chromatisch durch alle zwölf Dur- und Moll-Tonarten schieben. Aber muss man es sich antun, das ganze WK 1 hintereinander anzuhören? Am Dienstagabend wollen dies weit mehr, als der Große Sitzungssaal des Bundesverwaltungsgerichts fassen kann. Die reichlich 250 Zuhörer, die Einlass finden, verbringen zweimal 45 Minuten im ausverkauften, stickigen Saal und können am Ende gar nicht genug bekommen.

Denn Martin Stadtfeld spielt den ersten Band des WK und nennt es „Bach exemplarisch“. Der junge Pianist, der 2002 den Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig gewann, hat sich auch mit seiner neuen CD-Einspielung wieder auf Bach besonnen. Nun will er live zeigen, wie viel Barock und wie viel Romantik in Bachs Lehrwerk steckt. Hintereinander weg spielt er, auswendig, ganz versunken.

Bei dem Steinway-Flügel im Bundesverwaltungsgericht muss er sich um die Wohltemperierung, sprich: Stimmung, keine Sorgen machen. Vielmehr nutzt er alle Möglichkeiten des modernen Instruments hinsichtlich Dynamik, Farbgebung und Klangmodulation voll aus. Da wird schon mal ordentlich auf die Pedale getreten, schwimmen Akkorde verklärt dahin, tönt der Steinway wie zarter Harfenklang. Zart fließen die Präludien und Fugen aus Stadtfelds magischen Händen oder kommen trotzig, markig, nachdrücklich daher. Mal verliert er sich in Raum und Zeit, um kurz darauf in Ekstase durch das nächste Präludium zu preschen.

Und scheinbar verfügt Stadtfeld über Akkus mit Endlos-Power: Den lang anhaltenden, begeisterten Applaus und die vielen Bravo-Rufe erwidert er mit Prokofjews furioser, kraftzehrender Toccata, um gleich noch Bachs innige Siciliana nachzuschieben.

Birgit Hendrich

© Leipziger Volkszeitung, Donnerstag, 17. September 2009

"Bach exemplarisch"

15. September 2009

Martin Stadtfeld, Klavier „Bach exemplarisch“

Johann Sebastian Bach,
Das wohltemperierte Klavier Band 1,
BWV 846-869 Einführung in das Werk:
Dr. Michael Maul
(Bach-Archiv Leipzig)

Gemeinschaftsveranstaltung
mit dem Bach-Archiv Leipzig

Absolut Chopin

24. Juni 2009

Da Sol Kim, Klavier Absolut Chopin

Werke von Frédéric Chopin:

Scherzo Nr. 2 b-moll op.31
Introduction et Rondo Es-dur op.16
Sonate Nr. 2 b-moll op.35
3 Mazurkas op.59
Polonaise-Fantaisie As-dur op.61
Andante spianato et Grande Polonaise brillante
Es-dur op.22
Ballade Nr. 2 F-dur

Duo concertante

7. Juni 2009

Lance Coburn (Klavier)
Mia Cooper (Violine)


Duo concertante

Johann Sebastian Bach,
Sonate Nr. 4 c-moll für Violine und Klavier

Franz Schubert,
Fantasie C-dur für Violine und Klavier

Ian Wilson,
From the Book of Longing für Violine und Klavier

Richard Strauss,
Sonate Es-dur für Violine und Klavier

Romantik von Bach bis Bruckner

6. Mai 2009

Kammerphilharmonie Leipzig
Dirigent: Michael Köhler

Holger Engelhardt (Violine)

Klarinettenquintett:
Sonja Riedel (Klarinette)
Thomas Krause (Violine)
Matthias Funke (Violine)
Dietrich Hagel (Viola)
Stephan Wünsch (Violoncello) Romantik von Bach bis Bruckner

Johann Sebastian Bach,
Präludium h-moll BWV 923,
arr. für Streichorchester
von Leopold Stokowski

Felix Mendelssohn Bartholdy,
Violinkonzert d-moll op.posth.

Johannes Brahms,
Klarinettenquintett h-moll op.115

Ludwig van Beethoven,
Große Fuge für Streichquartett B-dur op.133
(Fassung für Streichorchester)

Anton Bruckner,
Streichquintett F-dur WAB 112
(Fassung für Streichorchester)


Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn,
dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn,
dem Bekannten die Würde des Unbekannten,
dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe,
so romantisiere ich es.

Novalis

Perlen der Klaviermusik

11. Februar 2009

Li-Chun Su (Klavier)


„Perlen der Klaviermusik“

Wolfgang Amadeus Mozart,
Klaviersonate Nr. 9 a-moll KV 310

Felix Mendelssohn Bartholdy,
Variations sérieuses d-moll op.54

Frédéric Chopin,
Ballade Nr. 4 f-moll op.52

Franz Schubert,
Impromptus op.90

Franz Liszt,
Ungarische Rhapsodie Nr. 2 cis-moll S.244 Nr. 2

200 Jahre Felix Mendelssohn Bartholdy

4. Februar 2009

Ensemble Leipzig-Berlin

Thomas Timm (Violine)
Conrad Suske (Violine)
Andreas Neufeld (Violine)
Romano Tommasini (Violine)
Wolfgang Talirz (Viola)
Julia Gartemann (Viola)
Jürnjakob Timm (Violoncello)
Andreas Timm (Violoncello)


200 Jahre Felix Mendelssohn Bartholdy

Nils Wilhelm Gade,
Oktett für Streicher F-dur op.17

Dimitri Schostakowitsch,
Zwei Stücke für Streichoktett op.11

Felix Mendelssohn Bartholdy,
Oktett für Streicher Es-dur op.20

Neujahrskonzert

17./18. Januar 2009

Leipziger Barockorchester
Violine und Leitung:
Konstanze Beyer

Marie Friederike Schöder (Sopran)
Christine Schornsheim (Hammerflügel)


Hommage an Joseph Haydn

Ouvertüre zur Oper „Lo Speziale“
Hob XXVIII:3

Arie des Volpino „Amore nel mio petto“
aus: Lo Speziale

Accampagnato und Arie der Rosina
„Care spiagge, selve addio“
aus: „La vera Costanza“ Hob XXVIII:8

Arie der Clarice „Son faciulla da marito“
aus: „Il Mondo della Luna“ Hob XXVIII:7

Klavierkonzert D-dur Hob XVIII:11

Symphonie Nr. 45 fis-moll Hob I:45
„Abschiedssymphonie“

Auf Flügeln des Gesanges

10. Dezember 2008

Florence Sitruk (Harfe)

„Auf Flügeln des Gesanges“
Hommage an Elias Parish Alvars
und Felix Mendelssohn Bartholdy

Domenico Scarlatti,
Sonate d-moll L.413
Sonate E-dur L.23

Wolfgang Amadeus Mozart,
Fantasie d-moll KV.397 (Fragment)
für Klavier (transcr. F. Sitruk)

Michail Glinka,
Thema und Variationen über Mozarts
„Don Giovanni“

Elias Parish Alvars (1808-1849),
Introduktion und Variationen über Arien aus
„Norma“ von Vincenzo Bellini op.36

Carl Philipp Emanuel Bach,
Fantasie Es-dur Wq 58 Nr. 6 für Cembalo

Paul Hindemith,
Sonate für Harfe (1939)

Wilhelm Posse,
Improvisation Nr. 4

Felix Mendelssohn Bartholdy,
„Lieder ohne Worte“ op.19 Nr. 2
für Klavier (transcr. F. Sitruk)

Félix Dieudonné Godefroid,
Danses des Sylphes

Duo Martin Stadtfeld – Jan Vogler

Gambensonaten im Gericht

Gesprächskonzerte haben Konjunktur –
Bach-Musik mit Jan Vogler und Martin Stadtfeld

Sind jugendliche Frische und überspringendes Musikantentum am Werk, ist das Ergebnis oft staunenswert. So war es gewiss kein Zufall, dass dessen Führungskopf Christoph Wolff die Rechtfertigung der aufführungspraktischen Ungenauigkeit zum Aufhänger seiner einführenden Worte machte. Das Bach-Archiv Leipzig lud für Dienstagabend ins Bundesverwaltungsgericht zu einem außergewöhnlichen Konzert …

Genauer gesagt: Man lud in den historischen Plenarsaal – mit seiner nicht zu unterschätzenden hölzernen Überakustik. Dass man dort Johann Sebastian Bachs Gambensonaten mit Cello und Klavier hört, begründet Wolff wortreich. Das Pro-Argument, schließlich habe es das Cello ja zu Bachs Zeit schon gegeben, und der Meister besitze großen Anteil an der Entwicklung des Klaviers, ist ein wenig streitbar, bedenkt man, dass die Werke relativ spät und explizit für Gambe entstanden. Doch die Aufführung rechtfertigt das Unterfangen weitestgehend. Also, Gesprächskonzerte haben Konjunktur, und Wolff überfliegt Formanalyse und Gattungsgeschichte in weniger als 30 Minuten und schafft es in diesem Zeitfenster auch noch, die analytische Lupe über neuralgische Punkte zweier der drei Sonaten zu halten.

Das Ergebnis ist gewissermaßen ein kleiner Themenabend, der dank vierer Zugaben dann sogar fast Konzertlänge hat. Martin Stadtfeld und Jan Vogler haben sich da ganz offensichtlich eine Baustelle geschaffen und selbst merklich Spaß an dem Projekt. Kammermusik im allerbesten Sinne machen die beiden Musiker – eingespielt und ohne Routine aukommen zu lassen. Mit Frische und mächtigem Drive sind da zwei absolute Könner am Werk. Dennoch den großen Bogen zu finden und zu spannen, ist schwer in diesem Raum. Hier im Plenarsaal jedenfalls haben der Pianist und ganz besonders der Cellist auch noch sämtliche Ohren voll zu tun, in Bezug auf Tempo und Dynamik auf die nicht immer sonderlich vorteilhaften akustischen Gegebenheiten zu reagieren.

Warum der einzige Nicht-Bach an diesem Abend (die Schostakowitsch-Zugabe) den deutlich stärksten Beifall entfesselt, mag zwar mit Blick auf Raum und Besetzung zu denken geben; hat aber vielleicht auch damit zu tun, dass das, was die Musiker da hinlegen, schlicht furios ist. Gelöster, wenn auch nicht präziser, klingen danach auch die drei Bach-Wiederholungen.

Tatjana Böhme-Mehner

© Leipziger Volkszeitung, Freitag, 5. Dezember 2008

Jede Sorte von Glück

Gedeck, Reimann und einiges Glück

Sie hat ihr ihr Gesicht geliehen, ihre Intensität. Martina Gedeck spielte im Film „Hunger auf Leben“ die Schriftstellerin Brigitte Reimann, die im Juli 75 geworden wäre und in der Literatur so unsentimental melancholisch und trotzig beharrend war wie in der Wirklichkeit. In Zuneigung kompromisslos begleitete sie ihre Helden durch all die schmerzlichen Erfahrungen, die sie selbst als „Menschwerdung“ bezeichnete, während sie selbst lebte und liebte, „als wär jeder Tag der letzte“.

So sagt die Schauspielerin über die Autorin: „Brigitte Reimann ist eine Frau, die mir persönlich viel bedeutet. Sie ist ihrer Berufung gefolgt, auch wenn das für sie nicht immer einfach war. Sie hat sich nie auf ihrer Begabung ausgeruht.“ Nicht zufällig also kommt Gedeck heute nach Leipzig, um aus Reimanns „Jede Sorte von Glück“ (Aufbau-Verlag 2008) zu lesen. Sie meint, es gebe kaum ein Dokument, das über die DDR der 50er bis 70er Jahre so viel erzähle wie das Werk der Brigitte Reimann, insbesondere ihre Tagebücher, Briefe und ihr großer Roman „Franziska Linkerhand“. Reimanns Texte seien „ein Stück Deutschland, das zu uns gehört“.

hoy

© Leipziger Volkszeitung, Montag, 17. November 2008

Neue Töne gegen das Vergessen

Neue Töne gegen das Vergessen

Finanzkrise, Obama-Mania, Klimakatastrophe: In den vergangenen Wochen gab es hinlänglich Anlässe zum Diskutieren, Aufregen, Nachdenken. Da kann historisches Gedenken schnell auf der gedanklichen Ersatzbank landen. Dagegen wurde am Samstagabend im Leipziger Bundesverwaltungsgericht ein Zeichen gesetzt: mit verstörend guter Musik.

Vor 75 Jahren verurteilten die Nazis Marinus van der Lubbe, der den Brand im Reichstag gelegt haben soll, zum Tode. Wenig später wurde er hingerichtet. Der Prozess um den Reichstagsbrand markiert das Ende des Rechtsstaats. Es gibt viele Möglichkeiten des Erinnerns. In der Großen Halle des Bundesverwaltungsgerichts entschied man sich für ein Konzert mit dem Mendelssohn-Orchester unter der Leitung von David Timm, der sagt.: „Jede Kunst hat ihre eigene Wirkungsweise. Aber die Musik ist unersetzlich. Man stellt sich Gefühlen, setzt sich ihnen aus.“

Ausdrucksstark und gefühlvoll sind die Werke, die Timm und sein Orchester vortragen. Wolfgang Rihms „In doppelter Tiefe“ verarbeitet ein Gedicht van der Lubbes. Expressiv-lärmend dröhnt das Orchester, wunderbar klar und voluminös singen Klaudia Zeiner (Alt) und Mareike Schellenberger (Mezzosopran). Aus den beiden Stimmen wird mal eine, mal kämpfen sie gegeneinander an. Die Sängerinnen müssen nicht gegen das gewaltige Schlagwerk ansingen: Rihm lässt das Orchester pausieren, oder Timm nimmt es zurück und schafft geschmeidige Übergänge. „Man kann dieses Programm als Plädoyer für die Neue Musik verstehen“, sagt der Universitätsmusikdirektor. Schließlich werde Rihm immer noch viel zu selten aufgeführt. „Wir haben lange überlegt, was man zu diesem Anlass spielen könnte. Wir dachten zum Beispiel an das Brahms-Requiem.“ Aber diesmal gibt es keine Klage-Klassiker, sondern Jos Rincks Flötencollagen „MenschenMusikRecht“, von ihm vorgetragen. Und Dimitri Schostakowitschs tief berührende 13. Sinfonie.

Bassist Marek Rzepkas Gesang hat genug Ernsthaftigkeit und ist dennoch nicht steif und sperrig, Orchester und der Männerchor, zusammengesetzt unter anderem aus Mitgliedern des Universitätschors, rütteln auf: Gewaltmotivik, Walzer- und Marschrhythmen, liebliche Melodien, die plötzlich in dissonante Verspottungen kippen. Großartig, aufwühlend, unvergesslich.

Maren Winterfeld

© Leipziger Volkszeitung, Dienstag, 10. November 2008

Verschwörungstheorien

Endlose Verschwörungstheorien

75 Jahre nach dem Reichstagsbrandprozess soll in Leipzig ohne die üblichen Grabenkämpfe erinnert werden

Hitler grollte über „vertrottelte Richter“ und ein „lächerliches Ergebnis“. Vor 75 Jahren fand in Leizig der Reichstagsbrandprozess statt – und im Streit über das Urteil ist kein Ende in Sicht. Am Ort des Geschehens soll nun eine Veranstaltung deutlich machen, warum jenes Gerichtsverfahren bis heute wichtig ist.

„Das ist uninteressant“, sagt Georg Herbert, obwohl er weiß, dass er mit diesen drei Worten Zorn auf sich ziehen könnte. Seit einem Dreivierteljahrhundert wird über den Reichstagsbrand erbittert gestritten. Die Kernfrage: Legten die Nazis das Feuer, um die Schuld den Kommunisten in die Schuhe zu schieben? Bei diesem Streit sei „nichts mehr zu holen“, erklärt Herbert. Er ist Vorsitzender Richter am Bundesverwaltungsgericht – also am Ort des Prozesses von 1933. Als Mitstreiter des dortigen Vereins Kunst & Justiz bereitet er für das kommende Wochenende ein Programm fernab der bei dem Thema üblichen Grabenkämpfe von Historikern und Juristen vor. Es soll nicht um die Täterschaft, sondern um die Bedeutung des Verfahrens für die Gegenwart gehen.

„Mit dem Reichstagsbrandprozess begann die planmäßige Zerstörung des Rechtsstaats“, erläutert Herbert. „Wir wollen ein Zeichen setzen, wie wichtig eine unabhängige Justiz ist. Man muss in dieser Frage immer wachsam sein.“

Seit dem 30. Januar 1933 war Hitler Reichskanzler, am 27. Februar stand das Parlamentsgebäude in Flammen, am Folgetag setzte Reichspräsident Hindenburg mit einer Verordnung „zum Schutz von Volk und Staat“ die Verfassung teilweise außer Kraft. „Jetzt wird durchgegriffen“, titelte der Völkische Beobachter, wichtigstes Blatt des NS-Regimes, das seine Gegner mit einer Terrorwelle überrollte und auch die Brandermittlungen lenkte. Demnach war nach Ausbruch des Feuers der niederländische Anarchismus-Sympathisant Marinus van der Lubbe im Reichstag gestellt worden. Er soll sogleich gestanden haben.

Der Prozess am Leipziger Reichsgericht begann am 21. September und endete am 23. Dezember 1933 – zeitweise wurde auch in einem unzerstörten Saal des Reichstags verhandelt. Auf der Anklagebank saßen neben van der Lubbe vier Kommunisten als angebliche Hintermänner, darunter der Bulgare Georgi Dimitroff, Funktionär der Kommunistischen Internationale.

Die Leipziger Richter solltem dem Regime einen Propaganda-Erfolg liefern und zugleich der mit 82 Korrespondenten vertretenen Auslandspresse einen fairen Prozess demonstrieren. „Ein solcher Spagat war nicht möglich“, erklärt Rechtshistoriker Walter Pauly von der Universität Jena. Die anfängliche Live-Übertragung im Radio wurde eingestellt, im Verlauf der 57 Verhandlungstage gab es keine Beweise für eine Verwicklung kommunistischer Funktionäre. Dimitroff brachte vielmehr die als Zeugen auftretenden NS-Größen Göring und Goebbels in Bedrängnis. „Ich bin nicht hierher gekommen, um mich von Ihnen anklagen zu lassen“, brüllte Göring, dem der Senatschef prompt Beistand leistete.

Die Verhandlungsführung war politisch ebenso wenig neutral wie das Urteil, in dem die Hitler-Partei höchstes Lob erhielt. Über die KPD hieß es hingegen: „In ihrem Lager sind also die Urheber dieses Anschlags und die Mittäter van der Lubbes zu suchen.“ Dennoch wahrte die Justiz einen Rest von Unabhängigkeit: Van der Lubbes Mitangeklagte sprach das Gericht aus Mangel an Beweisen frei, einzig der Holländer wurde hingerichtet. Anfang 2008 hob die Bundesanwaltschaft das Todesurteil auf. Die Richter hatten es rechtsstaatswidrig auf der Grundlage von Gesetzen verhängt, die erst nach dem Brand geschaffen worden waren.

Heute glauben die meisten Fachleute, dass van der Lubbe ein Alleintäter war. Es gebe aber Verschwörungstheorien wie beim Mord an Kennedy, meint der Freiburger Historiker Ulrich Herbert. Der ist überzeugt, dass der Brand den Nazis in den Kram passte und von ihnen spontan genutzt wurde. Die übrigen Varianten lauten beispielsweise: Van der Lubbe und NS-Leute hätten zufällig gleichzeitig gezündelt. Oder: Nazis, die sich als Kommunisten ausgaben, hätten den Holländer angestiftet. Falls der überhaupt dabei war …

Dimitroff stieg nach seinem Freispruch zum Chef der Kommunistischen Internationale in Moskau auf, war dort in die Verbrechen Stalins verstrickt. In Berlin hingegen zeigte sich die NS-Führung mit dem Prozess so unzufrieden, dass sie dem Reichsgericht die künftige Zuständigkeit für Hochverrat entzog und dafür den so genannten Volksgerichtshof gründete.

Armin Görtz

© Leipziger Volkszeitung, Mittwoch, 5. November 2008

Grußwort der Bundesministerin der Justiz

Der Nationalsozialismus hat ab 1933 den deutschen Rechtsstaat planmäßig zerstört. Recht, Sicherheit und Gerechtigkeit wurden durch Unrecht, Willkür und Terror ersetzt. Die deutsche Justiz und viele ihrer Angehörigen haben in der Folgezeit schwere Verbrechen begangen und große Schuld auf sich geladen. Der Reichstagsbrandprozess steht am Beginn der Zerstörung des Rechtsstaates. Das Verfahren und das Urteil gegen den vermeintlichen Brandstifter Marinus van der Lubbe verstießen gegen elementare Grundsätze der Gerechtigkeit. Nur durch den Bruch des rechtstaatlichen Grundsatzes, wonach eine Strafe vor einer Tat klar bestimmt sein muss, konnte van der Lubbe zum Tode verurteilt werden. Es war deshalb richtig, dass die Generalbundesanwaltschaft im Frühjahr 2008 förmlich festgestellt hat, dass das Todesurteil Unrecht gewesen und aufgehoben ist.

Ein kluger Kopf hat einmal gesagt, sich zu erinnern, heiße nicht, das Gedächtnis zu belasten, sondern den Verstand zu erleuchten. Wenn wir in diesem Tagen an den Prozess vor 75 Jahren und das Versagen der Justiz jener Zeit erinnern, dann tun wir das vor allem, um uns der Bedeutung unseres Rechtsstaates zu vergewissern. Eine starke Justiz mit unabhängigen Richterinnen und Richtern ist für Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit unverzichtbar. Der Rechtsstaat lebt ebenso wie die freiheitliche Demokratie auch vom persönlichen Engagement des Einzelnen. Deshalb begrüße ich es sehr, dass der Verein „Kunst und Justiz im Bundesverwaltungsgericht“ und seine Mitglieder sich so tatkräftig dafür einsetzen, die Erinnerung an den Reichstagsbrandprozess und das Schicksal Marinus van der Lubbes wach zu halten.

Diese Veranstaltungsreihe bietet Gelegenheit, sich in ganz unterschiedlicher Art mit den Ereignissen vor 75 Jahren zu befassen – wissenschaftlich und künstlerisch, juristisch und historisch, musikalisch und visuell. Ich danke allen, die mit ihrem Engagement als Veranstalter, Akteure oder Förderer zu diesem Programm beitragen und ich grüße alle, die – frei nach Lessing – durch das Erinnern ihren Verstand erleuchten.

Brigitte Zypries, MdB
Bundesministerin der Justiz

75 Jahre Reichstagsbrandprozess

8./9. November 2008

Vorträge:

Prof. Dr. Ulrich Herbert,
Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte,
Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg i.Br.

„Die Bedeutung des Reichstagsbrandprozesses
aus zeithistorischer Sicht“

Prof. Dr. Walter Pauly,
Lehrstuhl für Öffentliches Recht, Rechts- und Verfassungsgeschichte, Rechtsphilosophie,
Friedrich-Schiller-Universität zu Jena

„Brandbeschleunigung auf dem Weg zur Macht.
Zur Schlüsselfunktion von Reichstagsbrand und Reichstagsbrandverordnung im Prozess der Machtergreifung“

Dr. Dieter Deiseroth,
Richter am Bundesverwaltungsgericht, Leipzig

„Der Reichstagsbrand-Prozess –
ein rechtsstaatliches Verfahren?“

Konzerte:

MenschenRechtMusik

Larissa Wieczorek,
„Bewegte Bilder“

Jos Rinck (Flöte),
Zwei Collagen für Flöte solo Mendelssohn-Orchester
Leipziger Universitätschor
Dirigent:
David Timm

Mareike Schellenberger (Mezzosopran)
Klaudia Zeiner (Alt)
Marek Rzepka (Bass) Wolfgang Rihm,
In doppelter Tiefe
für zwei Frauenstimmeun und Orchester.
Text: Marinus van der Lubbe

Dimitri Schostakowitsch,
Symphonie Nr. 13 b-moll op.113 „Babi Yar“
für Bass, Männerchor und Orchester.
Text: Jewgeniy Jewtuschenko

Felix Mendelssohn Bartholdy,
Symphonie Nr. 5 D-dur op.107
„Reformationssymphonie“


Die Veranstaltungen zum 75. Jahrestag des Reichstagsbrandprozesses standen unter der Schirmherrschaft der Bundesministerin der Justiz, Brigitte Zypries, und wurden durch großzügige finanzielle Förderung ermöglicht:

Ostdeutsche Sparkassenstiftung im Freistaat Sachsen gemeinsam mit der Sparkasse Leipzig.

Sächsische Spielbanken GmbH

Gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

„Die schönsten Franzosen … … kommen nach Leipzig“

7. Mai 2008

Kammerphilharmonie Leipzig
Dirigent: Michael Köhler

Igor Gryshyn (Klavier)
Hiroko Kudo (Klavier)
Michael Köhler (Klavier)
Stephan Gogolka (Sprecher)

„Die schönsten Franzosen …
… kommen nach Leipzig“

Jean-Baptiste Lully,
Le Triomphe de l’Amour.
Ballettsuite LWV 59

Maurice Ravel,
Pavane pour une infante défunte
für Violine, Violoncello und Klavier

Francis Poulenc,
Die Geschichte von Babar, dem kleinen Elefanten
(Orchesterfassung David Matthews)

Camille Saint-Saens,
Der Karneval der Tiere.
Zoologische Fantasie (Text nach Loriot)

Benjamin Britten,
Soirées Musicales.
Suite aus fünf Sätzen nach Gioacchino Rossini op.9

Klavierabend

12. März 2008

„Ein pianistischer Höhenflug
von der Klassik zum Impressionismus“

Da-Sol Kim (Klavier)

Ludwig van Beethoven,
Sonate Nr. 26 Es-dur op.81a „Lebe wohl“

Robert Schumann,
Fantasie C-dur op.17

Felix Mendelssohn Bartholdy,
Fantasie fis-moll op.28 „sonate écossaise“

Maurice Ravel,
Gaspard de la nuit

Neujahrskonzert

19./20. Januar 2008

Leipziger Barockorchester
Violine und Leitung:
Konstanze Beyer

Anastasiya Peretyahina (Sopran)
Andreas Pehl (Altus)

Neujahrskonzert

Johann Sebastian Bach,
Ouverture C-dur BWV 1066

Georg Friedrich Händel,
„Scherzano sul tuo volto“
Duett Almirena – Rinaldo,
aus: Rinaldo HWV 7

Georg Philipp Telemann,
„Erfreue dich, mein freier Geist!“
Arie des Honoricus,
aus: Sieg der Schönheit TVWV 21:10

Georg Friedrich Händel,
Marche, Adagio und Gigue
aus: Rinaldo

Georg Friedrich Händel,
„Tu del Ciel ministro eletto“
Arie der Bellezza,
aus: Il Trionfo del Tempo e del Disinganno HWV 46a

Georg Friedrich Händel,
Concerto D-dur
aus: Ottone, Re di Germania HWV 15

Georg Friedrich Händel,
„Ritorna, o dolce amore“
Arie des Ottone,
aus: Ottone, Re di Germania

Georg Friedrich Händel,
„Venti, turbini, prestate“
Arie des Rinaldo,
aus: Rinaldo

Georg Philipp Telemann,
„In der Liebe muss man wagen“
Arie der Pulcheria,
aus: Sieg der Schönheit

Georg Friedrich Händel,
„Lascia ch’io pianga“
Arie der Almirena,
aus Rinaldo

Georg Friedrich Händel,
Aria con variatio,
aus: Concerto grosso h-moll op.6 Nr. 12 HWV 330

Georg Friedrich Händel,
„T’amo, si!“
Duett Riccardo – Costanza,
aus: Riccardo I., Re d’Inghilterra HWV 23

"Zwischen Lust und Leidenschaft"

21. November 2007

Igor Gryshyn (Klavier)

„Zwischen Lust und Leidenschaft“

Ludwig van Beethoven,
Klaviersonate Nr. 28 A-dur op.101

Frédéric Chopin,
Ballade Nr. 1 g-moll op.23

Johann Sebastian Bach,
Präludium und Fuge D-dur BWV 532
arr. für Klavier von Ferruccio Busoni

Hayk Melikyan,
Paraphrase über Themen aus der Oper
„Chowantschina“ von Modest Mussorgski

Johannes Brahms,
3 Intermezzi op. 117

Franz Liszt,
Rhapsodie espagnole